Auf dem Weg zur Arbeit – es ist Montag in der früh – was wird uns diese Woche wohl wieder bringen!? Im Berufsverkehr heißt es, genug Spielraum zu lassen für einen pünktlichen Dienstbeginn. Der erste Anruf kam schon 6.30 Uhr – können Sie ein paar Minuten eher anfangen? Ein Behandlungstermin für Frau Maier wurde wegen eines Arztbesuches vorgezogen.
6.45 Uhr ist Dienstbeginn – und es geht gleich los:
Mein Gott es ist schon 5 Minuten vor 7.00 Uhr, es wird höchste Zeit zugehen! Als erstes geht es zur Frau Maier – wie ist wohl ihr Wochenende verlaufen? Grundpflege – Baden – Inkontinenz Versorgung stehen bei ihr auf dem Plan. Vorgabe 35 Minuten – für den Verbandswechsel und die Dokumentation reichen mir die 10 Minuten doch wie immer nicht aus – egal es muss korrekt erledigt und genau dokumentiert werden. Bei Frau Maier wechselt die Stimmungslage bedingt durch ihren erlittenen Apoplex sehr schnell – na ja, heute war ihre Befindlichkeit gut.
Auf zum nächsten Kunden, schon mit Zeitverzögerung. Ja mei diese Ampelschaltungen, ich habe doch eine feste Zeitvorgabe. Wieder kommt ein Anruf von der PDL-Leitung, bitte noch beim Arzt vorbeifahren und einen Urinbecher für Herrn Schule abholen. Bei ihm steht die komplette Grundversorgung incl. Baden an. Das ist schon der nächste Druck, es bringt mir wieder meine vorgegebene Zeitplanung durcheinander.
Ich sollte bereits um 9.00 Uhr bei Frau Kopf sein, dass schaff ich nie, egal wie sehr ich mich auch beeile, gut ich ruf zwischendurch an, dass ich später komme.
Ok, jetzt zu Herrn Schule, er kann noch keinen Urin lassen. Ich gebe ihm zu trinken und versorge ihn erst einmal. Baden und Haare waschen stehen an, doch hat er wieder vergessen seine Sachen herzurichten. Gott sei Dank kenne ich mich bei ihm aus.
Dann äußert er noch eine zusätzliche Bitte, ob seine Fußnägel noch geschnitten werden können. Heute geht es nicht, ich habe kein steriles Pediküre Set dabei.
Ich vertröste ihn auf den kommenden Donnerstag nach dem Duschen. Eincremen, anziehen, die AE Strümpfe hochziehen und dazu noch die voll aufgedrehte Heizung mitten im Sommer, da komme ich voll ins schwitzen.
Jetzt kann er auch inzwischen Urin lassen – wieder zusätzliche 5 Minuten länger. Auf geht's mit "frisch warm gefüllten Urinbecher" zum Arzt.
Doch leichter gesagt, als getan – die Ampel steht auf Rot – Dauer Baustellen in Augsburg!! Vor mir fährt ein Bagger, ach jetzt rangiert er auch noch vor mir, hin und her, wieder geht mir wertvolle Zeit verloren. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als im Datenerfassungsgerät Stau einzugeben. Voran geht nichts mehr, manchmal wäre ein Fahrrad besser – vorausgesetzt es regnet nicht!
Ah, es geht weiter, beim Arzt wie immer keine leeren Parkplätze. Ich stelle mich einfach nebenan. Man wird schon sehen, dass ich vom Sozialdienst bin …! Also schnell hinein, 10 Leute stehen an der Anmeldung, ich schlängele mich gezielt an böse mir nachfolgenden Blicken vorbei – ich möchte doch nur den Urin abgeben. Schnell wieder weg.
Ach ja, ich wollte Frau Kopf anrufen, dass ich mich verspäten werde. Mist, die Telefonnummer liegt im Auto und mit dem Zeiterfassungsgerät dauert es mir auch zu lange. Aber ich finde doch eine gute Lösung der immer wieder anstehenden Probleme mit dem Zeiterfassungsgerät. Frau Kopf freut sich über die Rückmeldung. Auf zur Frau Kopf! Sie bekommt nur die AE Strümpfe angezogen, das geht schnell, ich will gerade gehen, da fragt sie mich ob wir nächste Woche früher kommen können, sie erhält Besuch und möchte mit mir ausführlich darüber reden. Während ich langsam rückwärts zur Tür gehe, notiere mir noch den Termin – die Zeitvorgabe 5 Minuten sind leider schon um. Natürlich wollen unsere Kunden auch gern mal mit uns sprechen, aber ich muss mich an meine Zeitvorgaben halten. Ich entschuldige mich, dass ich gehen muss.
Herr Kragen ist der nächste Kunde, er wohnt nicht weit weg, er bekommt Medikamente verabreicht. Ich bin schnell da, an seiner Haustür klebt ein Zettel, bin kurz einkaufen. Toll, die Fahrt war umsonst! Und so geht es weiter Einsatz für Einsatz laut Tourenplan.
Als letztes geht es noch zur Frau Kümmel. Sie verlor vor kurzen ihren Mann "so nebenbei", eine kurze, festgelegte Trauerzeit – so haben sich dies die Kinder vorgestellt - und der Alltag hat wieder zu funktionieren. Sie war sehr mit ihrem Mann verbunden, was der eine nicht mehr konnte, übernahm der andere Partner, bedingt durch Alter und Krankheit.
Heute war sie wieder sehr deprimiert. Medikamentengabe, Verbandswechsel und Hilfe bei der Essenzubereitung stehen bei Frau Kümmel an. Es bleibt keine Zeit für ihre Seele, um sie etwas zu trösten. Ihr Lebensrhythmus ist sehr eingeschränkt, gut dass wir für sie einkaufen gehen. Mit Liebe werden Lebensmittel für sie ausgesucht, denn bekanntlich, hält Essen Laib und Seele zusammen.
Wieder kommt ein zusätzlicher Anruf, Frau Limmers muss dringend auf die Toilette. Ich beeile mich, zu ihr zukommen. Aber was einfach erscheint, ist bei ihr sehr schwierig. Durch ihre beidseitigen Stenosen der Halsschlagader fällt Frau Limmers schnell in Ohnmacht. Zeitlich und technisch im Ablauf bedarf es großer Aufmerksamkeit beim Transfer.
Die Heimfahrt zur Station wird wieder verschoben, zusätzlich bestimmt die Dokumentation und die Eingabe in das Datenerfassungsgerät den veränderten Ablauf.
Auf dem Rückweg zu Sozialstation wird noch einmal rationell gehandelt. Die bestellten Rezepte werden aus der Apotheke geholt, Verordnungen beim Hausarzt werden abgefordert , ein Medikamentenvergleich wird besprochen. Jetzt noch einkaufen für Frau Kümmel und ihr die Besorgung gleich nach Hause liefern.
Schließlich der Abschluss auf der Sozialstation:
Der nächste Tag beginnt mit Teildienst, eine Tour in der Früh und dann eine am Abend, geplant ist alles optimal, aber es kommt bestimmt anders als man denkt. Diese Teildienste sind körperlich sehr kräftezehrend und für die Familie sehr belastend. Für mich sind schon ein paar Jahre zusammen gekommen, in denen ich viel Kraft gelassen habe. Die Kinder sind nun auch schon groß. Mein Mann ist mir Gott sei Dank trotz dieser Arbeitszeiten (Schichtdienst + Wochenende) geblieben und nicht weggelaufen.
Feierabend – so jetzt schnell auftanken, abschalten für den nächsten Arbeitstag. Abwechslungsreich, eigenverantwortlich und "sozial", aber auch erfüllend ist dieser Beruf. Ich habe diese Berufswahl nicht bereut. Aber allzu leicht wird das alles für selbstverständlich gehalten, die Pflegenden brauchen Unterstützung auf mehren sozialen Ebenen - sie sind die Seele des Dienstes. Wir müssen aufpassen, dass dies nicht aus den Fugen gerät, das Leben muss ein gegenseitiges Geben und Nehmen sein – sonst werden die Pflegenden nicht mehr pflegen können!
Frau Maier möchte einmal in der Woche baden und braucht dazu die Unterstützung eines Pflegedienstes. Sie ist 92 Jahre alt, hat die Pflegestufe 1 und wird von ihrer 70-jährigen Tochter versorgt, aber in die Badewanne schaffen sie es nicht mehr! Die Tochter hat daher unseren Pflegedienst engagiert – LK 1b Hilfe beim An- und Auskleiden für 2,28 €, LK 2b Ganzkörperwäsche für 11,39 € und LK 3 Transfer für 1,82 € nennen sich diese Leistungen und werden für insgesamt 15,49 € gebucht! Insgesamt, so hat es die PDL ausgerechnet, bedeutet dies, dass wir dafür 21 Minuten Zeit haben.
Ich komme in die Wohnung im zweiten Stock, begrüße kurz Frau Maier und gehe gleich ins Bad, um alles vorzubreiten. Die Wanne spritze ich kurz aus, lasse das Badewasser laufen und räume den Wäschekorb mit der Schmutzwäsche beiseite. Frische Handtücher sind heute zum Glück vorhanden und werden aus dem Schrank geholt, die Waschutensilien werden bereit gelegt und der Badewannenlifter wird in Position gebracht.
Dann gehe ich zu Frau Maier und messe erst noch Blutdruck, nicht dass sie mir durch die Belastung beim Baden noch ohnmächtig wird! Frau Maier ist sehr kooperativ, sie weiß, dass ich wenig Zeit habe.
Ich helfe ihr aus dem Stuhl auf, führe sie zum Bad, ziehe sie schnell aus und helfe ihr, auf dem Badewannenlifter Platz zu nehmen. Kurz die Wassertemperatur geprüft und ab geht`s ins Nass!
Knapp 10 Minuten habe ich schon verbraucht, obwohl heute alles optimal lief. Frau Maier könnte sich schon selbst ein wenig waschen, aber das dauert viel zu lange – der nächste Patient wartet ja schon. Frau Maier ist da inzwischen gut darauf eingestimmt, sie hat keine Einwände. Also wasche ich sie schnell selbst, ein kurzer Blick – ja die Haare sind auch fällig - also schnell noch die Haare waschen, abbrausen und schon geht es wieder heraus aus der Wanne. Abtrocknen, Haut eincremen, die Haare fönen und ankleiden – alles effizient und zeitsparend erledigt, was für ein Genuß!! Frau Maier noch schnell wieder zu ihrem Stuhl führen und ab durch die Mitte – doch halt, die Wanne muss noch ausgespritzt und der Boden gewischt werden – Sturzgefahr! In der Dokumentation noch schnell eintragen, dass und wann ich tatsächlich dort war, ein Blick zur Uhr – verflixt, schon wieder 30 Minuten gebraucht, dass muss ich bei den nächsten Patienten wieder hereinholen.
Aber dennoch hat alles geklappt und wurde perfekt durchgezogen, ein kurzer Gruß und auf gehtÅfs zum nächsten Patienten.
Frau Maier hat sich sehr gut auf uns eingestellt, sie will keine Umstände machen und ist ganz zufrieden. Sie hat ja dann viel Zeit, sich von diesem Schnelldurchlauf zu erholen - bis der nächste Badetermin ansteht.
Ihre Tochter ist weniger zu frieden, Sie erwartet, dass wir uns mehr um ihre Mutter kümmern, auch noch die eine oder andere Hilfestellung übernehmen - wenn wir schon mal da sind - und sie regelmäßig informieren. Kosten darf dies allerdings nichts, das ist, meint sie, alles im Preis inbegriffen! Sie findet es allerdings ganz normal, beim Frisör regelmäßig allein 15,00 € für das Haare waschen zu bezahlen!